Hinweis zum Inhalt: Diese Seite behandelt mögliche seelische Auswirkungen von Straftaten und belastenden Erlebnissen. Konkrete Tathergänge werden bewusst nicht beschrieben. Die Informationen ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.
Wenn eine Straftat nicht mit der Tat endet
Eine Straftat kann vorbei sein – ihre Auswirkungen müssen es noch lange nicht sein.
Angst, innere Unruhe, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Erschöpfung oder ein verloren gegangenes Sicherheitsgefühl können den Alltag noch lange begleiten.
Jeder Mensch reagiert anders. Es gibt keinen vorgeschriebenen Zeitplan, wann ein belastendes Erlebnis verarbeitet sein muss.
Seelische Verletzungen sieht man einem Menschen oft nicht an
Körperliche Verletzungen sind für andere häufig leichter nachvollziehbar. Seelische Belastungen können dagegen von außen vollkommen unsichtbar bleiben. Das macht sie nicht weniger real.
Wer einen gebrochenen Arm hat, trägt möglicherweise einen Gips. Das Umfeld erkennt sofort, dass Einschränkungen bestehen und Heilung Zeit benötigt.
Bei einer seelischen Verletzung fehlt dieser sichtbare Hinweis. Angst, starke Anspannung, Schlafprobleme, Erschöpfung oder ein verändertes Sicherheitsgefühl können trotzdem erheblich in den Alltag eingreifen.
Gerade weil solche Folgen nicht sichtbar sind, werden sie von Außenstehenden manchmal unterschätzt oder nur schwer verstanden.
Unsichtbar bedeutet nicht weniger real.
Belastung kann sich sehr unterschiedlich zeigen
Nach außergewöhnlich belastenden Ereignissen können psychische, körperliche und soziale Reaktionen auftreten. Nicht jeder Mensch erlebt dieselben Beschwerden und nicht jeder erlebt sie in gleicher Stärke.
Das Gefühl, ständig besonders aufmerksam oder auf der Hut sein zu müssen.
Schwer zur Ruhe kommen, häufiges Aufwachen oder belastende Nächte.
Situationen, Orte oder Begegnungen können plötzlich anders erlebt werden.
Arbeit, Lernen, Gespräche oder selbst einfache Aufgaben können mehr Kraft benötigen.
Bestimmte Orte, Situationen oder Kontakte werden möglicherweise gemieden.
Seelische Belastung kann sich auch körperlich bemerkbar machen.
Unerwartete Geräusche oder Situationen können besonders stark wirken.
Selbst vertraute Orte können sich zeitweise oder auch länger nicht mehr sicher anfühlen.
Erinnerungen an das Erlebte können sich unerwartet wieder aufdrängen.
Warum kann das passieren?
Nach einer bedrohlichen oder außergewöhnlich belastenden Situation kann das innere Alarmsystem noch länger besonders empfindlich reagieren, obwohl die unmittelbare Gefahr bereits vorbei ist.
Orte, Geräusche, Situationen oder andere Erinnerungen können deshalb erneut Anspannung auslösen. Manchmal ist der Zusammenhang deutlich, manchmal zunächst überhaupt nicht.
Manche Folgen werden erst später deutlich
Nicht jede Reaktion beginnt sofort
Manche Beschwerden treten unmittelbar auf. Andere fallen möglicherweise erst später stärker auf – etwa wenn der erste organisatorische Stress nachlässt oder bestimmte Situationen erneut an das Erlebte erinnern.
Verarbeitung ist nicht geradlinig
Gute Phasen und schwierigere Phasen können sich abwechseln. Eine vorübergehende Verbesserung bedeutet deshalb nicht automatisch, dass jede Belastung endgültig vorbei ist.
Entscheidend ist nicht, wie andere den zeitlichen Verlauf beurteilen, sondern wie stark die Belastung den Betroffenen und seinen Alltag tatsächlich beeinflusst.
PTBS und andere Traumafolgen verständlich betrachtet
Nach schweren Belastungen können unterschiedliche Reaktionen oder psychische Erkrankungen entstehen. Eine mögliche Traumafolgestörung ist die posttraumatische Belastungsstörung – kurz PTBS.
Nicht jede starke Reaktion ist automatisch eine PTBS
Einzelne Beschwerden oder eine Internet-Checkliste reichen nicht aus, um zuverlässig festzustellen, ob eine PTBS oder eine andere psychische Belastung vorliegt.
Eine fachliche Diagnose gehört in die Hände eines Arztes oder Psychotherapeuten.
Umgekehrt müssen Beschwerden nicht erst eine bestimmte Diagnose erfüllen, bevor Unterstützung sinnvoll ist.
Erinnerungen an das belastende Ereignis können sich ungewollt wieder bemerkbar machen.
Manche Menschen erleben stärkere Wachsamkeit, Schreckhaftigkeit oder anhaltende innere Unruhe.
Situationen, Orte, Gespräche oder Erinnerungen können gemieden werden.
Rückzug, verändertes Vertrauen oder andere Veränderungen im Erleben und Verhalten können auftreten.
Auswirkungen zeigen sich nicht nur in einer Therapiesitzung
Seelische Folgen können sich genau dort bemerkbar machen, wo vorher vieles selbstverständlich war.
Ein vertrauter Ort kann sich plötzlich anders oder weniger sicher anfühlen.
Bestimmte Wege, Orte oder Begegnungen können Unsicherheit oder Anspannung auslösen.
Konzentration, Belastbarkeit, Gedächtnis und Leistungsfähigkeit können verändert sein.
Erneute Gespräche, Schreiben, Untersuchungen oder Verfahren können zusätzliche Kraft kosten.
Manche möchten über das Erlebte sprechen, andere gerade nicht. Beides kann sich im Laufe der Zeit verändern.
Dinge, die früher selbstverständlich waren, können zeitweise oder auch länger mehr Kraft benötigen.
„Die Tat ist vorbei“ bedeutet nicht automatisch: „Die Folgen sind vorbei“
Bei mir selbst wirken die Folgen der Tat auch nach mehr als drei Jahren noch deutlich nach. Manche Dinge sind besser geworden, andere begleiten mich weiterhin im Alltag.
Eine besonders wichtige Erfahrung war für mich, dass Hilfe nicht immer dort oder so schnell verfügbar ist, wie man sie in einer belastenden Situation eigentlich benötigen würde.
Gleichzeitig habe ich erlebt, dass einzelne Angebote auch kurzfristig sehr hilfreich sein können.
Deshalb soll Vorsicht.info beim Thema Opferhilfe nicht einfach nur sagen: „Holen Sie sich Hilfe.“ Viel wichtiger ist, möglichst konkret zu zeigen, wo ein realistischer Einstieg möglich sein kann.
Dieser Abschnitt beschreibt eine persönliche Erfahrung. Andere Menschen können dieselbe Situation völlig anders erleben.
Was helfen kann
Es gibt keine Patentlösung. Hilfreich kann eine Kombination aus persönlicher Unterstützung, professioneller Hilfe und alltagstauglicher Entlastung sein.
Nicht jeder Tag muss dieselbe Leistungsfähigkeit haben.
Unterstützung kann emotional, praktisch oder organisatorisch sein.
Struktur kann helfen, wenn vieles gleichzeitig zu viel erscheint.
Niemand muss über ein belastendes Erlebnis sprechen, nur weil andere es erwarten.
Auch ohne fertige Diagnose können Beschwerden Grund genug sein, Unterstützung zu suchen.
Befunde, Arztberichte, Entlassungsberichte und Behandlungsempfehlungen können beim weiteren Weg hilfreich sein.
Wie komme ich zu psychologischer oder psychotherapeutischer Hilfe?
Die Suche kann kompliziert und anstrengend sein. Nicht jeder Weg führt automatisch zu einem langfristigen Therapieplatz. Ein erster fachlicher Termin oder eine Beratungsstelle kann trotzdem ein wichtiger Einstieg sein.
116117 und psychotherapeutische Sprechstunde
Gesetzlich Versicherte können über die 116117 zunächst auch ohne Vermittlungscode einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde suchen.
Dort wird geklärt, welcher weitere Behandlungsweg sinnvoll sein kann.
WEISSER RING
Wer nach einer Straftat zunächst Orientierung, Beratung oder Unterstützung sucht, kann sich an den WEISSEN RING wenden.
Dort gibt es bundesweite telefonische, persönliche und digitale Opferhilfe.
Weitere Hilfe & Unterstützung
Traumaambulanzen, regionale Opferhilfe, BIOS-BW, Krankenkassen, polizeilicher Opferschutz, digitale Hilfen und weitere Wege finden Sie auf unserer ausführlichen Hilfeseite.
Bei einer Entlassung aus einer Krankenhaus- oder Rehabilitationsbehandlung mit psychischer Diagnose ist für die Terminvermittlung zu probatorischen Sitzungen kein Formular PTV 11 und kein Vermittlungscode erforderlich.
Termine können in dieser Situation bereits während des stationären Aufenthalts vermittelt und wahrgenommen werden.
Entlassungsberichte, Behandlungsempfehlungen und vorhandene medizinische Unterlagen sollten beim weiteren Kontakt mit Ärzten, Psychotherapiepraxen oder dem Terminservice angesprochen werden.
Aus Erfahrung: In meinem eigenen Fall war eine Dringlichkeitsbescheinigung aus der Rehaklinik beim weiteren Weg hilfreich. Welche Unterlagen konkret benötigt werden, sollte mit der jeweiligen Stelle geklärt werden.
Psy-RENA: Unterstützung beim Übergang zurück in den Alltag
Nach einer psychosomatischen Rehabilitation kann die Psychosomatische Rehabilitationsnachsorge der Deutschen Rentenversicherung – kurz Psy-RENA – helfen, in der Reha erarbeitete Strategien im Alltag und Berufsleben weiter zu festigen.
Die Reha muss nicht mit dem Entlassungstag enden
Psy-RENA ist eine Reha-Nachsorge für Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Sie knüpft an die vorherige medizinische Rehabilitation an und soll dabei helfen, dort erarbeitete Verhaltensweisen und Strategien nachhaltig in den Alltag zu übertragen.
Regulär umfasst Psy-RENA 25 wöchentliche Gruppengespräche mit jeweils 90 Minuten. Hinzu kommen ein Aufnahme- und ein Abschlussgespräch.
Psy-RENA soll möglichst früh und muss spätestens innerhalb von drei Monaten nach Ende der Reha beginnen.
Die Psy-RENA muss spätestens innerhalb von zwölf Monaten nach Ende der vorausgegangenen Rehabilitation abgeschlossen sein.
Psy-RENA kann auch digital stattfinden. Die Gruppengespräche werden dann über einen Videodienst durchgeführt.
Psy-RENA ist keine normale ambulante Psychotherapie
Psy-RENA ist eine Leistung der Reha-Nachsorge mit einem eigenen rehabilitativen Auftrag. Sie ersetzt keine erforderliche ambulante Richtlinienpsychotherapie.
Beides kann deshalb unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Welche weitere Behandlung im persönlichen Fall erforderlich ist, sollte mit den behandelnden Stellen besprochen werden.
Was Angehörige tun können
Unterstützung bedeutet nicht, immer die richtigen Antworten zu kennen. Oft hilft es bereits, die Belastung ernst zu nehmen und keinen zusätzlichen Erwartungsdruck aufzubauen.
Der Betroffene entscheidet selbst, wann und worüber er sprechen möchte.
Die Belastung eines Menschen muss nicht mit anderen Situationen verglichen werden.
Begleitung zu Terminen oder Hilfe bei organisatorischen Dingen kann entlastend sein.
Verarbeitung folgt keinem Kalender und kann auch nach längerer Zeit noch Thema sein.
Nicht jede gut gemeinte Aktivität oder jedes Gespräch ist im richtigen Moment hilfreich.
Sie müssen nicht erst wissen, welche Hilfe die richtige ist.
Nach einer Straftat können gesundheitliche, psychologische, praktische und rechtliche Fragen gleichzeitig entstehen. Der Opferhilfe-Bereich von Vorsicht.info soll dabei helfen, einen passenden nächsten Schritt zu finden.
Quellen und weiterführende offizielle Informationen
Patientenservice 116117 – Psychotherapie: 116117.de
Deutsche Rentenversicherung – Psy-RENA: Informationen zur psychosomatischen Reha-Nachsorge
Deutsche Rentenversicherung – Fachkonzept Psy-RENA: aktuelles Fachkonzept
Reha-Nachsorgeanbieter: nachderreha.de
Opferhilfe des WEISSEN RINGS: weisser-ring.de
Weitere Hilfsangebote: Vorsicht.info – Weitere Hilfe

